Wie aus dem Blogbeitrag zum Thema Angststörungen bekannt, ist Angst ganz allgemein als Reaktion auf eine subjektiv erlebte Bedrohung zu verstehen. Hierbei muss nochmal deutlich betont und für die folgenden Ausführungen verinnerlicht werden, dass das Umfeld diese Bedrohung nicht als solche wahrnehmen muss.
Hinter dem Begriff der Schulangst steckt mehr, als in dem Wort selbst enthalten ist. Deshalb werden die Ausführungen zuerst eine ausführliche Begriffsdefinition enthalten und anschließend auf die Abgrenzung einzelner Formen eingehen. Diese intensive Betrachtung ist notwendig, da die zugrundeliegenden Ursachen die resultierenden Handlungsoptionen und Unterstützungsmöglichkeiten maßgeblich beeinflussen.
Kann man überhaupt von „Schulangst“ sprechen?
Die Antwort darauf lautet: teilweise, denn eigentlich unterscheidet man zwischen Schulangst und Schulphobie. Gemeinsam haben beide Ausprägungen, dass die Schülerinnen und Schüler aufgrund der erlebten Angst große Schwierigkeiten haben, die Schule und damit den Unterricht zu besuchen. Sie empfinden ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit, die sie meist nur im häuslichen/ familiären Bereich finden. Die Angst schlägt sich in typischen Krankheitssymptomen wie Kopf- und Bauchschmerzen, Übelkeit oder Schlafproblemen nieder, die dann als Grund für entstehende Fehlzeiten angegeben werden.
Die vorherigen Beschreibungen haben bei Ihnen vielleicht schon Gedanken an Schulvermeidung bzw. -verweigerung anklingen lassen und damit liegen Sie richtig. Schulangst und Schulphobie werden als sogenannte illegitime Schulversäumnisse oder genauer angstbedingtes Meidungsverhalten eingeordnet. Das große Feld der Schulverweigerung wird im nächsten Blogbeitrag ausführlich besprochen, aber hiermit soll bereits ein Einstieg erfolgen und der Angst als möglicher Ursache der Betrachtungsraum gegeben werden, dessen sie bedarf.
Die angstbedingte Schulmeidung zeichnet sich tatsächlich durch ein ganz entscheidendes Merkmal aus: In den allermeisten Fällen wissen die Eltern um die Abwesenheit Ihres Kindes. Häufig haben sie Mitleid mit ihrem verängstigten Kind und möchten ihm mit dem Schreiben von Entschuldigungen etwas Gutes tun. So aber unterstützen sie das Vermeidungsverhalten in Form einer negativen Verstärkung und befeuern damit die anlaufende Abwärtsspirale, da sie sich hilflos im Umgang mit der Angst fühlen. Entsprechend dem Teufelskreis der Angst (siehe unten weiterführende Quellen) führt die fehlende Aussetzung der angstbesetzten Situation zu einer verzerrten Wahrnehmung und weiteren Verstärkung der Angst, wodurch Fehlzeiten ansteigen und die vollständige Abwesenheit bzw. Vermeidung bestimmter Situationen drohen kann. Das macht das Eingreifen von Ihnen als Lehrkräften so bedeutsam und wird später ausführlich aufgegriffen.
Schulangst oder Schulphobie – Ist das nicht das Gleiche?
Es gibt tatsächlich eine sehr klare Unterscheidung. Bei Schulängsten wird die emotionale Reaktion durch leistungsbezogene oder soziale Ursachen ausgelöst, die überwiegend in der Schule liegen und in der Regel auch eindeutig benannt werden können. Die Schulphobie hingegen ist eine emotionale Störung mit Trennungsangst und keine Phobie vor der Schule selbst. Es handelt sich dabei konkret um eine diagnostizierbare, psychische Erkrankung. Es liegt die Angst zugrunde, durch einen Schulbesuch von der Bezugsperson (häufig der Mutter) getrennt zu werden. Die Schulangst findet sich dagegen im erweiterten Sinne unter der Diagnose „Störung des Sozialverhaltens“ wieder bzw. wird teilweise auch unter den Angststörungen eingeordnet.
Laut dem DAK- Kinder- und Jugendreport von 2018 sind ca. 3,5% der Kinder und Jugendlichen mit einer Schulangst oder Schulphobie diagnostiziert. Bei Jungen wurde die Diagnose mit 3,8% häufiger gestellt als bei Mädchen (3,2%). Besonders häufig tritt angstbedingtes Meidungsverhalten im Schulkontext rund um Übergänge wie die Einschulung oder den Wechsel an die weiterführende Schule auf. Die Zahl der an einer Form von Schulangst leidenden Schülerinnen und Schüler wird unabhängig von einer vorliegenden Diagnostik deutlich höher auf ca. 10 bis 20% geschätzt.
Woher kommt die Angst?
soziale Schulangst
- schlechte Erfahrungen mit Mitschülerinnen und Mitschülern oder Fachkräften
- Mobbing durch Mitschülerinnen und Mitschüler oder Fachkräfte (auch in sozialen Netzwerken)
- soziale Spannungen im Klassengefüge und daraus resultierendes Unwohlsein
- Konflikte mit Fachkräften
- niedriges Selbstwertgefühl → geringe Kritikfähigkeit
- Herausforderungen bei mündlicher Beteiligung und daraus resultierende Probleme mit Prüfungssituationen
- Hindernisse auf dem Schulweg (z. B. unangenehme Busfahrten)
leistungsbezogene Schulangst
- schulische Schwierigkeiten z. B. durch Teilleistungsschwäche, allgemeine Leistungsüberforderung bzw. zu große Wissenslücken durch längere Krankheit/ Schulwechsel, Konzentrationsprobleme
- Wahl des falschen Schultypus
- Sorge bezüglich körperlicher Unzulänglichkeiten (im Sportunterricht)
- (erfahrungsbedingte) Versagensängste z. B. in Prüfungssituationen
- unrealistische Erwartungen (intern/extern)
Schulphobie
- Verunsicherung durch die Sorge um eine Bezugsperson z. B. der Mutter könnte etwas Ernsthaftes zustoßen
- überbehütender Erziehungsstil bzw. Eltern mit ängstlichen sozialen Mustern → eingeschränkte Entwicklung sozialer Kompetenzen inkl. Selbstständigkeit
Aber was ist nun zu tun? – 10 grundlegende Hinweise
Die folgenden Handlungsempfehlungen gelten allgemein, unabhängig von der Form des angstbedingten schulischen Meidungsverhaltens. Berücksichtigen Sie dabei auch die allgemeinen Empfehlungen aus dem ersten Artikel zum Umgang mit psychischen Herausforderungen.
- Machen Sie sich bewusst, dass die Angst im schulischen Kontext entsteht bzw. damit zusammenhängt und deshalb auch dort abgebaut werden muss. Sie als Lehrkraft können/ sollen dabei eine entscheidende Rolle übernehmen.
- Ziehen Sie vor allem die Eltern, aber auch andere Fachkräfte hinzu, um Beobachtungen und Informationen aus dem gesamten sozialen Umfeld zu sammeln. Arbeiten Sie im weiteren Prozess möglichst mit allen Beteiligten zusammen.
- Fokussieren Sie Ihre Unterstützung insbesondere auf die Eltern. Bei Abwesenheit erhalten Sie nur über diese Zugang zu den Schülerinnen und Schülern.
- Von schulischer Seite ist eine Anleitung der Eltern wichtig, wenn eine Notwendigkeit durch Hilflosigkeit sichtbar wird und eine intensive Kooperation/ein enger Austausch sollte forciert werden.
- Bei längerer Abwesenheit/hohen Fehlzeiten sollte die Klasse auf die Rückkehr vorbereitet werden, um unangenehmen Fragen vorzubeugen. Eine möglichst offene Kommunikation in Abstimmung mit den Eltern wird empfohlen.
- Die Schülerinnen und Schüler können nach erleichternden Rückkehrbedingungen wie z. B. einem anderen Sitzplatz befragt werden.
- Bei Überhand nehmen der Fehlzeiten kann eine ärztliche Krankmeldung ab dem 1. Tag eingefordert werden. Dadurch werden die Eltern mehr in die Pflicht genommen und den Schülerinnen und Schülern wird vermittelt, dass ihre Symptome anerkannt werden. (Briefing des Kinderarztes durch die Eltern im Vorfeld sinnvoll)
Verinnerlichen Sie selbst und geben Sie auch den Eltern mit:
- Die Angst muss akzeptiert werden, auch wenn die Bedrohung für einen selbst nicht wahrnehmbar ist. Die Schülerinnen und Schüler sollen sich gesehen fühlen.
- Es sollte mit Trost, sowie Ermutigung durch Lob gearbeitet werden, da ängstliche Kinder durch entzogene Zuneigung zusätzlich stärker belastet werden.
- Der Prozess erfordert viel Geduld, da irrationale Ängste nicht durch rationale Argumente einfach widerlegt werden können.
Und was kann ich konkret machen?
Eine eindeutige Identifizierung von leistungsbezogenen oder sozialen Ängsten ist nicht notwendig, generell wird aber eine direkte Befragung nach den Gründen des Fehlens empfohlen. Dadurch können die Hilfestellungen besser an die konkreten angstauslösenden Gegebenheiten/Situationen angepasst werden.
Soziale Schulängste
- Bei Schülerinnen oder Schülern, die mit Angst zu tun haben oder besonders schüchtern sind, sollte vermieden werden, diese in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stellen oder vor anderen zu blamieren. Durch positive soziale Erfahrungen kann hingegen zu einem Abbau beigetragen werden. Beispielsweise kann eine Vereinbarung getroffen werden, dass Sie die-/denjenigen nur bei einer freiwilligen Meldung aufrufen oder mündliche Prüfungssituationen im Vorfeld geübt werden.
- Das Selbstbewusstsein einer Schülerin/eines Schülers kann gestärkt werden, indem Erfolgserlebnisse geschaffen werden, z.B. durch die Vorlage von Aufgaben, die mit den vorhandenen Fähigkeiten bewältigt werden können. Auch die Eltern können mit diesem Ansatz arbeiten. Insgesamt sollte die Resilienz der Betroffenen im Blick behalten werden, da eine höhere Ausprägung mit geringerer Schulangst einhergeht.
- Die bestehenden Sorgen zu Mobbing, Konflikten oder auch wahrgenommener Gewalt müssen von Ihnen und auch den Eltern ernst genommen und gemeinsam nach Lösungen gesucht werden.
- Zur Konfliktklärung braucht es Gespräche mit allen Beteiligten, um die Schülerin/den Schüler direkt zu unterstützen und um auch für den weiteren Weg ein Sicherheitsnetz aufzubauen.
- Prüfen Sie auch Ihr Klassen- und Schulklima, ob dort ein soziales, mobbing- und gewaltfreies Milieu gegeben ist. Sollten dort große Baustellen bestehen, können Sie überlegen, für sich und auch Ihre Schülerinnen und Schüler externe soziale Kompetenz- oder Konfliktbewältigungstrainings in Anspruch zu nehmen.
Leistungsbezogene Schulängste
- Schauen Sie sich Ihre Unterrichtsmethodik an und überlegen Sie, ob eine angenehme Lernatmosphäre und ein verständnis- und rücksichtsvoller Umgang aus Sicht einer Schülerin oder eines Schülers besteht, der mit Leistungsangst zu kämpfen hat. Wird bspw. Raum zur Beruhigung gelassen, auch gelegentlich der Einzelne individuell angeleitet und eine Fehlerzentrierung vermieden?
- Sie als Lehrkräfte können gemeinsam mit der Schülerin oder dem Schüler die genutzten Lerntechniken überprüfen, Stressbewältigungsstrategien besprechen und dafür z. B. geeignete Lernpläne erstellen. Davon könnte auch die gesamte Klasse profitieren.
- Sollte bereits in der Grundschule eine Leistungsüberforderung erkennbar sein, sind gezielte Maßnahmen zu ergreifen. Diese sind in abgestufter Form Nachhilfe, Förderunterricht oder auch sonderpädagogische Überprüfung und anschließend entsprechende Förderung bei Teilleistungsschwierigkeiten.
- Nach dem Übergang in die weiterführende Schule oder einem Schulwechsel kann es vorkommen, dass die Leistungsanforderungen nicht den Fähigkeiten der Schülerin oder des Schülers entsprechen. Dann kann ein erneuter Schul- oder (je nach Modell) Klassenwechsel sinnvoll sein.
- Es sollte auch im Blick behalten werden, ob eine generelle schulische Überforderung vorliegt. Um eine solche ausschließen zu können, kann eine Leistungs- bzw. Intelligenzdiagnostik erfolgen.
- Bei anhaltenden Lernblockaden oder Ängsten in Prüfungssituationen ohne eine nachweisbare Überforderung können Entspannungstechniken (z. B. Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen), Selbstbestärkung in Form von Selbstverbalisation oder auch die Suche nach kontraproduktiven Denkmustern (z. B. „Ich mache immer alles falsch.“) geübt werden.
- Bei Nichtanschlagen dieser niedrigschwelligen Angebote kann eine tiefergehende Bearbeitung in der (kognitiven) Verhaltenstherapie angeraten werden.
Schulphobie
Bei einem Verdacht in diese Richtung ist vor allem anderen eine Diagnostik und therapeutische Intervention angezeigt. Dennoch können auch Sie als Lehrkraft unterstützend einwirken.
- Bieten Sie den Eltern sowie den Schülerinnen und Schülern in direkter Form Ihre Unterstützung z. B. durch Gespräche an, aber verweisen Sie auch auf die Begrenzung Ihrer Möglichkeit im schulischen Rahmen.
- Die Trennungssituation von den Eltern vor allem im Grundschulbereich kann angenehmer gestaltet werden z. B. durch die Begleitung von einer Freundin/einem Freund auf das Schulgelände. Das wirkt ablenkend und die Übergabe erfolgt an eine Person, die den ganzen Tag anwesend ist.
- Aufgrund der Trennungsangst sollte eine telefonische Kontaktaufnahme aus der Schule heraus zu den Eltern nur in Ausnahmesituationen erlaubt werden, da in der Regel das Bedürfnis nach elterlicher Nähe getriggert wird und das Kind eher auf ein Abholen besteht.
Grundsätzlich sollten alle Kinder lernen, Angst bis zu einem bestimmten Ausmaß als normalen Teil des Lebens anzunehmen und auch Ängste und angstauslösende Situationen zu bewältigen. Aber wenn dieser Lernprozess (noch) nicht stattgefunden hat, braucht es eine gewisse Anleitung, die dieser Beitrag Ihnen in seinen Möglichkeiten liefern sollte.
Literatur & Anlaufstellen und weitere Hilfen
- Mehr zum Thema Angst/ Angststörungen
- Deutsche Angst-Hilfe e.V. – https://www.angstselbsthilfe.de/
- vorheriger Beitrag: https://deutsch-klett.de/angst-die-hat-doch-jeder-mensch/
- intensive Auseinandersetzung – Hopf, H. (2014) Schulangst und Schulphobie. Wege zum Verständnis und zur Bewältigung. Hilfen für Eltern und Lehrer. Brandes & Apsel
- Zur Vertiefung anderer Aspekte & weitere Denkansätze – https://deutsches-schulportal.de/dossiers/angst-vor-der-schule/
- Stärkere Vertiefung des und Einbettung in Schulabsentismus im nächsten Artikel

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