Sind Gedanken und Meinungen vor allem frei oder ist es lohnend, eigene Gedanken und Meinungen zu hinterfragen und anhand von Kriterien weiterzuentwickeln? Was der Literaturunterricht in der Oberstufe mit der Erziehung zu einem objektivierten Verständnis – nicht nur von Literatur – zu tun hat. An einem Beispiel des neuen Oberstufenbuchs Deutsch kompetent.
Populärer Realismus?
Das Literaturkapitel Realistische Strömungen des 19. Jahrhunderts (1815–1900) des neuen Deutsch kompetent-Oberstufenbandes für die Jahrgangsstufen 12 und 13 in Bayern stellt auf den Auftaktseiten ein Zitat des Literaturwissenschaftlers Moritz Baßler zum „Populären Realismus“ zur Diskussion.
Baßler versteht unter „Populärem Realismus“ einen Erzählstil, der eine leicht lesbare „natürliche Textwelt“ erschafft, innerhalb derer selbst das Fantastische realistisch erscheint und in der die Leserinnen und Leser unmittelbar in die erzählte Welt und nahe an die Figuren herangeführt werden.
„Der Neue Midcult“ – „Mainstream des gehobenen Buchmarktes“
Wird dieser Erzählstil angereichert durch tiefgründige Themen, erhält man das, was den „Mainstream des gehobenen Buchmarktes“ ausmacht, den „Murakami-Franzen-Schlink-Knausgård-Ferrante-Kehlmann-Komplex“, so Baßler in seinem Aufsatz „Der Neue Midcult“ (siehe unten), womit er Bezug nimmt auf den amerikanischen Literaturkritiker Dwight Macdonald, der in den 1960er-Jahren den Begriff „Midcult“ prägte, um auf Mainstreammäßiges in anspruchsvoller Verpackung aufmerksam zu machen.
Dass etwas sich als Mainstream etablieren und halten kann, liegt laut Baßler daran, dass sich selbstbestätigende Gemeinschaften zusammenfinden, Filterblasen also. Voraussetzung hierfür ist einmal, dass das subjektive Urteil über das bspw. in Auseinandersetzungen Objektivierte gestellt wird, und zum anderen, dass gleichzeitig bspw. durch Übereinkünfte in Social Media professionelle Urteile außer Kraft gesetzt werden. Die Annahme ist also, dass das, was ich gut finde, auch gut ist. Diese Annahme wird nicht nur durch die Mitglieder meiner Stilgemeinschaft bestätigt, sondern auch durch die Produzenten der Inhalte: „Du kannst ganz auf dein Urteil vertrauen. Wenn du etwas nicht gut findest oder nicht verstehst, liegt das keineswegs an dir, die anderen haben es vielmehr schlecht vermittelt.“ Schnell bleibt für andere Meinungen kein Platz, auch weil mit sachlicher Kritik oder Sachhinweisen ebenso verfahren wird wie mit ästhetischen Urteilen: Sie werden auf subjektiver Basis begrüßt – „Gefällt mir“ – oder abgelehnt – „Gefällt mir nicht“ –, eine inhaltliche Auseinandersetzung findet nicht statt; nicht selten wird der Sachhinweis sogar persönlich genommen: „Wenn du meine Vorlieben nicht teilst, lehnst du mich ab“.
Begründungsverfahren im schulischen Kontext
Das skizzierte Begründungsverfahren wird auch im schulischen Alltag immer auffälliger („Das Gedicht spricht mich nicht an“) und ist keineswegs nur auf literarische Themen beschränkt („Durch diese Formulierung fühle ich mich nicht mitgemeint“).
Einige Seiten weiter im Realismuskapitel von Deutsch kompetent wird dem Roman „Effi Briest“ (1896) des zur Entstehungszeit 76-jährigen Theodor Fontane der Roman „Am Totenmaar“ (1897) der 37-jährigen Clara Viebig, in dessen Zentrum ebenfalls eine junge Frau steht, als Beispiel naturalistischen Erzählens gegenübergestellt. Wem werden die Schülerinnen und Schüler eher Vertrauen schenken und welches Buch werden sie lieber lesen, wenn es um die Verfehlungen einer jugendlichen Heldin geht? Kann nicht eine verhältnismäßig junge Frau über junge Frauen authentischer schreiben als ein alter Mann? So kann das subjektive Urteil eine gewisse Stützung über die Authentizität der Urheber bzw. Urheberinnen eines Textes oder einer Aussage erfahren.
Und kennen wir das nicht alle? Dass nämlich Menschen für alles Mögliche zunächst subjektive Beweggründe haben und Erfahrungsurteile fällen – von der Wahl eines Restaurants in einer fremden Stadt bis hin zum Tipp auf den nächsten Fußballweltmeister. Manchmal sind gefühlte Wahrheiten und subjektive Urteile eben doch nicht die schlechtesten. Oder doch?
Denn genau hier wird es spannend. Nein, nicht in diesem Text, denn diese Zeilen nähern sich schon langsam ihrem Ende. Sondern im Unterricht in der Diskussion mit meinungsstarken Schülerinnen und Schülern. Dort gemeinsam mit ihnen Kriterien zur Annäherung an literarische Texte zu entwickeln (wie sie ebenso das Schulbuch anbietet), auch als Hilfe zum Leseverstehen, und unterschiedliche Funktionen von Literatur oder Mechanismen des Literaturmarkts zu differenzieren und zu diskutieren, ist nicht nur für das Abitur wichtig, sondern wesentlich für die Meinungsbildung überhaupt.
So soll hier nur noch einmal das eigentlich Selbstverständliche betont werden: Jede Wahrheit (auch die gefühlte) verdient immer einen zweiten Blick; und der darf dann gerne, gerade in der Schule, auch faktenbasiert erfolgen.
Deutsch kompetent 12/13 Bayern
Schauen Sie sich im Blättern im Buch von Deutsch kompetent 12/13 Bayern auf den Seiten 194–251 das Kapitel „Realistische Strömungen des 19. Jahrhunderts (1815–1900) – „einfach jeden Zipfel der Wirklichkeit beschreiben“?“ an.
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Bezogen auf die Ästhetik und die Literaturwissenschaft kann sich in einem Leistungskurs auch eine intensivere Beschäftigung mit Baßlers Position lohnen. Der Aufsatz „Der Neue Midcult. Vom Wandel populärer Leserschaften als Herausforderung der Kritik.“ (Aus: „Pop. Kultur und Kritik“, Heft 18, Frühling 2021, S. 132–149) ist im Internet zu finden:
https://pop-zeitschrift.de/2021/06/28/der-neue-midcultautorvon-moritz-bassler-autordatum28-6-2021-datum/







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